Autograph der Woche Ausgabe 21 von 95 |

Tischreden Martin Luthers in der Sammlung von Christoph Obenander.

Signatur: Mscr.Dresd.A.180.d

Ein „Schatz“ an Theologie

Die Tatsache, dass von Luther eine umfangreiche Sammlung von „Tischreden“ überliefert ist, verdankt sich dem Sammeleifer von Personen, die Luthers Gespräche am Tisch oder bei anderen Gelegenheiten mitschrieben. Diese Notizen wurden zunächst handschriftlich verbreitet und von manchen Studenten in Wittenberg systematisch gesammelt. Zu ihnen gehörte der aus Wunsiedel stammende Christoph Obenander (1526–1568), der am 8. Januar 1543 an der Universität Wittenberg immatrikuliert wurde. Außer Luthers „Tischreden“ sammelte er auch Briefe von Luther, Melanchthon, Nikolaus von Amsdorf und anderen Reformatoren und schrieb diese Texte in einen stattlichen Quartband (773 Seiten!), dem er den Titel gab: „Thesaurus Theologiae“ (Ein Schatz an Theologie). Der Manuskriptband enthält neben theologischen Äußerungen Luthers auch Persönliches, Anekdoten und Nachrichten, die damals in gedruckter Form nicht zu bekommen waren. Das änderte sich erst im Jahr 1566, als Johann Aurifaber (1519–1575) die erste Ausgabe der „Colloquia oder Tischreden“ veröffentlichte, die ein Bestseller wurde.

Aufgeschlagen sind in dem Band zwei Tischreden, die auch in der Sammlung des Naumburger Pfarrers Nikolaus Medler (1502–1551) überliefert sind, bei dem Obenander vor seinem Studium in Wittenberg als Famulus gewirkt hatte. Mit der ersten Tischrede unterstrich Luther die Bedeutung des Predigthörens: „Predigt hören ist das beste Werk auf Erden!“ In der folgenden Rede brachte er eine Sorge zum Ausdruck: „In Kürze wird es an Pfarrern und Predigern so sehr mangeln, dass man die jetzigen aus der Erde wieder herauskratzen würde, wenn man sie haben könnte. Dann werden die Papisten und auch unsere Bauern sehen, was sie getan haben. Von Ärzten und Juristen bleiben genug, die Welt zu regieren; man muss aber zweihundert Pfarrer haben, wo man an einem Juristen genug hat. [...] Es muss ein jeglich Dorf und Flecken einen eigenen Pfarrer haben. Mein gnädiger Herr [der Kurfürst zu Sachsen] hat an zwanzig Juristen genug, dagegen muss er wohl an 1800 Pfarrer haben. Wir müssen noch mit der Zeit aus Juristen und Ärzten Pfarrer machen, das werdet ihr sehen.“

Luthers Kritik bezog sich auf die mangelnde Bereitschaft in der Gesellschaft, genügend Pfarrstellen finanziell zu unterhalten. In den Kirchenvisitationen in Thüringen und Kursachsen trat dieser Notstand offen zutage. Auch Obenander wurden mit diesem Problem konfrontiert. Als er in Wittenberg sein Studium abschloss – Melanchthon hatte ihm am 7. Februar 1548 ein glänzendes Magisterzeugnis ausgestellt – bekam er keine Pfarrstelle, sondern musste zunächst als Gehilfe eines Pfarrers arbeiten, bevor er Pfarrer in Wunsiedel und später in Kirchenlamitz wurde.

Der Manuskriptband von Obenander gelangte aus dem Nachlass des Melanchthonforschers Heinrich Ernst Bindseil (1803–1876) an die Königliche Bibliothek zu Dresden. Aufgrund schwerer Wasserschäden im Zweiten Weltkrieg musste der Codex neu eingebunden werden. Die Sammlung erweist sich als ein wertvoller Schatz nicht nur in Bezug auf die Überlieferung von Luthers Tischreden. Obenander hatte in seinem „Thesaurus“ auch Texte dokumentiert, die sonst nirgendwo zu finden sind, darunter ein bis 1978 unbekannter Brief von Martin Bucer an Melanchthon vom 24. Oktober 1531, mit dem der Straßburger Reformator einen detaillierten Bericht über die Niederlage Zwinglis in der Schlacht von Kappel nach Wittenberg schickte.

Verfasser: Hans-Peter Hasse

Signatur: Mscr.Dresd.A.180.d,S.262 (zum Digitalisat).

Edition der Quelle: WAT 1, 409-410 (Nr. 842 und Nr. 843); vgl. zu Nr. 843: Martin Luther: Tischreden/ hrsg. von Kurt Aland. Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek; 1222), S. 145.

Literatur: Das Katalogisat mit weiteren Literaturangaben zur Handschrift finden Sie in der Datenbank Kalliope - dem zentralen Nachweisinstrument für Handschriften, Autographe und Nachlässe.