Autograph der Woche Ausgabe 54 von 95 |

Bucheintrag von Johannes Agricola [Sprembergensis] in der „Dresdner Reformatorenbibel“ mit einem Gedicht von Martin Luther, 1. Mai 1562.

Signatur: Mscr.Dresd.A.51.a

Der besondere Wert der „Dresdner Reformatorenbibel“ besteht darin, dass auf dem Vorsatz sowohl Autographe als auch Porträts der Wittenberger Reformatoren zu finden sind, die der Wittenberger Erzschmied Hans Reichknecht um 1562 in seiner Lutherbibel (1545) sammelte. Das Sammeln von Autographen in Büchern war damals weit verbreitet. Eine Besonderheit ist hier die Kombination der Autographen mit Bildnissen der Reformatoren. Die Anregung dazu könnte durch eine Publikation inspiriert sein, die am Neujahrstag 1562 von dem Wittenberger Drucker Gabriel Schnellboltz und dem aus Spremberg stammenden Magister Johannes Agricola (ca. 1530–1590) herausgegeben wurde: „Warhaffte Bildnis etlicher gelehrter Männer, durch welche Gott aus unaussprechlicher Gnade die reine Lehre des heiligen Evangelii, nötige Sprachen und andere löbliche und nütze Künste zu dieser letzten Zeit der Welt wiederumb erwecket, gereiniget und in der Christenheit gepflanzet hat.“ Die Wittenberger Reformatoren sind hier mit ganzseitigen Halbfigurenporträts dargestellt (Luther, Melanchthon, Jonas, Cruciger, Bugenhagen, Eber, Forster, Major). Dazu werden neben den Porträts Lobgedichte und biografische Gedichte Agricolas gedruckt. Außer den Wittenberger Reformatoren finden sich hier auch Porträts von Humanisten und Theologen, die zum Kontext der Wittenberger Reformation gehören (Johannes Hus, Erasmus von Rotterdam). Bei den Auflagen, die im Jahr 1562 rasch aufeinander folgten, wurden noch weitere Gelehrte in die Reihe aufgenommen. Offenbar bestand an der Porträtserie ein großes Interesse. Die Reformatorengalerie wurde ein Bestseller! Mit dieser Veröffentlichung knüpften die Herausgeber an eine ähnliche Publikation des Vorjahres (1561) an, mit der sie Bildnisse der Apostel mit biografischen Gedichten in analoger Form präsentierten.

Es darf angenommen werden, dass der Wittenberger Schmied durch die Publikation Agricolas angeregt wurde, Reformatorenporträts für seine „Familienbibel“ zu sammeln. Möglicherweise hat ihn Agricola dabei sogar beraten, denn der persönliche Kontakt ist in der „Reformatorenbibel“ belegt. Agricola studierte seit 1558 in Wittenberg. Am 1. Mai 1562 schrieb er sich als „M[agister] Johannes Agricola Sprembergensis“ in die Bibel Reichknechts ein. Er wählte für seinen Eintrag nicht die Vorsatzblätter, die den Reformatoren und Lehrern Agricolas vorbehalten blieben, sondern eine „versteckte“ Stelle hinten unter dem Impressum. Der von ihm zitierte Text verdient Beachtung. Es handelt sich um ein Gedicht, in dem Luther die „Summa der ganzen christlichen Religion“ zusammengefasst habe – so wird es im Titel angezeigt. Da dieses Gedicht in den zeitgenössischen Lutherausgaben nicht gedruckt wurde und als Autograph von Luther nicht überliefert ist, hat der handschriftliche Bucheintrag Agricolas den Rang einer Primärquelle. Der Text gehört zu den Gedichten Luthers, die in Wittenberg mündlich und handschriftlich kursierten. Das Gedicht fasst die reformatorische Lehre von Gesetz (Sündenerkenntnis) und Gnade bzw. Rechtfertigung durch den Glauben in kurzen Reimsprüchen zusammen, die hier in einer leicht modernisierten Fassung zitiert werden.

Die Summa der ganzen christlichen Religion hat D. Martin Luther in diesen Worten verfasset:

Zwei Stück weiß ich, die will ich fein
    fest halten in dem Leben mein:
Eins, dass ich bin ein Sünder zwar,
    danach, dass Gott ist gnädig gar.
Dass eine muss bekennen ich:
    Das ander glauben festiglich.
So b‘gnadet mich Gott ewiglich
    durch seine Güte gnädiglich.
So mich betrübt mein Missetat,
    erfreuet mich, o Gott, deine Gnad.
        Summa:
Gott gibt‘s, Christus verdient‘s,
der Glaube begreift‘s, die Werk‘ bezeugens.

 

Verfasser: Hans-Peter Hasse

Signatur: Mscr.Dresd.A.51.a,Bl.CCCLr (zum Digitalisat).

Edition der Quelle: WA 35, S. 585 (Nr. 35).

Literatur: Das Katalogisat mit weiteren Literaturangaben zur Handschrift finden Sie in der Datenbank Kalliope - dem zentralen Nachweisinstrument für Handschriften, Autographe und Nachlässe.